Antik, Vintage, Retro – Wo liegen die Unterschiede?

Barock, Biedermeier, Jugendstil, Art Déco oder auch Mid-Century Modern – unzählige Stile zeugen von der Entwicklung der Mode- und Möbelkultur und lassen sich unter Antik, Vintage oder Retro zusammenfassen …

Der Reiz vergangener Tage, die Spuren eines bewegten Lebens und außergewöhnliches Design statt Massenprodukt – Möbel, Kleidung und Accessoires aus vergangenen Zeiten sind so beliebt wie nie. Umso interessanter ist wohl ihre Klassifizierung. Jeder kennt die Bezeichnungen Antik, Vintage und Retro, doch so facettenreich wie die Epochen, die sie bezeichnen, sind auch ihre Deutungen. Wo hört Antik auf und wo fängt Vintage an? Was ist eigentlich Vintage und was Retro? Wir klären auf, was die drei allseits bekannten und doch unbekannten Begriffe tatsächlich bedeuten und wo genau die Unterschiede liegen …

Antik – Möbel vergangener Zeiten

Der Begriff antik stammt von dem lateinischen Wort antiquus ab und bedeutet schlicht und einfach alt. Wo genau er ansetzt und wo er aufhört, wurde bislang nicht eindeutig definiert. Als grobe Richtlinie gilt jedoch, dass alles, was älter als 100 Jahre alt ist, als antik bezeichnet werden kann. So umfasst antik zahlreiche Stilepochen, die unterschiedlichste Spuren in Architektur, Mode, Kunst sowie auch im Möbeldesign hinterlassen haben. Von den geschwungenen Linien des Barock (1600–1720), den filigranen Verzierungen des Rokoko (1720–1770) über den schlichten Biedermeier-Stil (1815–1848) bis hin zu den asymmetrischen und floralen Mustern und Ornamenten des Jugendstils oder Art Nouveaus (1890–1910), reichen antike Objekte bislang bis ca. in die 1920er Jahre hinein. Namhafte Möbelhersteller und -designer sind unter anderem Thomas Chippendale zu Zeiten des Rokoko und des beginnenden Klassizismus, Charles Francis Annesley Voysey in der Arts and Crafts Bewegung oder auch Michael Thonet, dessen „Wiener Kaffeehausstuhl“ (1851) zum Design-Klassiker avancierte.

Vintage vs. Retro

Es ist wohl nicht verwunderlich, dass diese beiden Begriffe oft verwechselt oder gar synonym verwendet werden. Beide beschreiben den Stil der 50er, 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Doch während Vintage sich auf die tatsächliche Entstehungszeit eines Möbel- oder Modestücks bezieht und ein gewisses Alter verlangt, ist dies beim Retro-Stil nicht immer der Fall. Retro meint nicht zwingend die Entstehungszeit, sondern oftmals auch nur die äußere Erscheinung oder den Stil einer bestimmten Zeit.

Blick in einen Wohnbereich mit einem Sideboard aus Nussbaum, einem Nussbaum-Stuhl und Home-Accessoires
Retro- oder Vintage-Möbel leben von einem geradlinigen, reduzierten Design. Bezeichnend für die 50er und 60er Jahre: die sich nach unten verjüngenden Beine.

Vintage – Meilensteine des 20. Jahrhunderts 

Der aus dem Englischen stammende Begriff vintage bedeutet so viel wie: erlesen, traditionell, alt – und geht auf den Prozess der Weinlese zurück. Hier war Vintage Kennzeichen eines besonderen, erlesenen Jahrgangs. Später wurde er auf Mode- und Einrichtungsstile übertragen und umfasst die 1920er bis 1980er Jahre. Beginnend mit dem Art Déco (1920-1935) meint Vintage jedoch meist die Design-Klassiker der 50er und 60er Jahre. Vor allem skandinavische Designer wie Alvar Aalto, Hans Wegner, Verner Panton oder Arne Jacobsen gaben entscheidende Impulse für die Weiterentwicklung der Möbelkultur nach dem Krieg, die sich bis in die Gegenwart hineinziehen und das Erscheinungsbild unserer heutigen Einrichtung prägen. Dabei stand das harmonische Zusammenspiel von Form und Funktion im Fokus.

Einheimische Hölzer wie Eiche, Buche, Esche oder auch Teak erfuhren unter anderem ab 1950 in Gestalt der Formholzmöbel einen regelrechten Aufschwung. Und auch moderne Materialien wie Kunststoffe wurden durch Modelle wie Jacobsens „Schwan“ (1958) oder Verner Pantons „Panton Chair“ (1959) immer beliebter. Hinzu kamen Designer wie das Ehepaar Eames, Eero Saarinen oder Harry Bertoia, die Klassiker wie den „Lounge Chair“ (1956) oder den „Tulip Chair“ (1956) entwarfen, die heute begehrter sind denn je. Vintage verlangt Authentizität, das Ursprüngliche, das Original.


Der Retro-Look – Alt und Neu vereint

Retro – lateinisch rückwärts oder zurück – bezeichnet hinsichtlich Mode und Interior das (bewusste) Nachahmen früherer Stilrichtungen. Eine Hinwendung zu vergangenen Zeiten also, ohne jedoch den Anspruch auf ein gewisses Alter zu erheben. Es handelt sich bei Retro-Accessoires und Möbeln oftmals um neue Produkte, die prägnante Elemente eines bestimmten Stils imitieren ohne ihn jedoch in Gänze zu kopieren. Hier leben insbesondere die Designs der 50er und 60er, teils auch der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts neu auf – innovativ, funktional, facettenreich und mit einem Hang zum Experimentellen.

Bezeichnend für den Retro-Look ist die Komposition aus organischen und graphischen Formen. Ein Nierentisch oder Cocktailsessel, Tapeten und Textilien mit geometrischen Mustern, stilisierten Blumen und Rauten – und schon befindet man sich in einer anderen Zeit. Auch die Farbgebung ist für einen stimmigen Retro-Look wichtig. Als Grundlage dienen neutrale Töne wie Cremeweiß, Grau oder Braun. Mit ausdrucksstarken Farben wie Orange, Petrol, Flaschengrün oder auch Zitronengelb werden gezielt Akzente gesetzt.